Donnerstag, 16. Dezember 2021

Diagnose

Donnerstag Nachmittag, wir sitzen im Warteraum des Frauenarztes, bei dem wir schon letztes Jahr die Feindiagnostik für Hendrik hatten. Ich fülle ein Formular aus, dass bei diesem Screening möglicherweise Diagnosen gestellt werden, die zu Gewissenskonflikten führen können. Ja, das ist mir bewusst. Aber sowas passiert uns nicht. Bei uns ist alles gut, denke ich. Denkt das nicht jeder? 

 

Dann sind wir im Behandlungszimmer, halten ein Pläuschchen mit dem Arzt. Ich mag ihn, er hat eine sehr offene und witzige Art, ist immer für einen Scherz aufgelegt. Ich lege mich auf die Liege, er fängt mit dem Ultraschall an. Er reißt weiter seine Witze. Dann sein Tipp zum Geschlecht. Ein Junge. Nanu, haben wir nicht bisher zweimal gehört, es sollte ein Mädchen werden. Er revidiert seinen Tipp. Doch plötzlich ist jeglicher Witz und Freude aus seiner Stimme verschwunden.

 

"Ihr Baby hat ein Problem." BÄM! Es hat mich wie ein Schlag getroffen. Unser Baby? Nein, niemals. Uns trifft doch sowas nicht. Ich hoffte immer noch, er machte einen Witz oder es war irgendeine Lapalie. "Das Kind hat eine Bauchspalte." Eine was? Was ist das? Welche Auswirkungen hat das? Wie schlimm ist so eine Bauchspalte? Tausend Fragen rasten mir in diesen wenigen Sekunden durch den Kopf. "Sehen Sie diese Blumenkohlartige Auswölbung? Das ist ein Teil vom Darm, der durch die offene Bauchdecke nach außen tritt. Das nennt sich Gastroschisis." 

 

In mir brach eine kleine Welt zusammen. Aber ich wollte stark sein, wollte keine Tränen vergießen. Also biss ich die Zähne zusammen und hörte zu, was er uns sonst noch erzählte. Es wäre alles nicht so schlimm, kein Grund für einen Schwangerschaftsabbruch, gut zu operieren und meist folgenlos für das Kind. Er schallte noch ein wenig weiter, maß hier etwas und dort. Ich bekam alles nur noch wie in Trance mit. Meine Gedanken kreisten nur noch um mein Baby.

 

Wir bekamen also eine Überweisung zum Spezialisten. Der Arzt rief direkt dort an, um einen Termin auszumachen, da er die Handynummer hatte. Holger saß die ganze Zeit wortlos neben mir. Er griff meine Hand und schaute mich an. Das war der Moment in dem ich einfach nicht mehr stark sein konnte und meinen Gefühlen und meinen Tränen das erste Mal einfach freien Lauf lassen musste. Der Arzt erzählte uns noch etwas von den guten Prognosen und versuchte uns Hoffnung zu machen. Aber für mich stand in dem Moment einfach erstmal nur diese Diagnose im Raum. Dick und fett. GASTROSCHISIS. Und alles was damit verbunden war. Engmaschige Kontrollen. Kaiserschnitt. Sofortige Operation. Wochenlanger Krankenhausaufenthalt. 

 

Ich wollte einfach nur noch raus. Zum Auto, wo ich meine Tränen hemmungslos laufen lassen konnte. Da saßen wir nun im Auto. Holger nahm mich in den Arm, versuchte mich zu trösten. Sagte mir, wir schaffen das. Doch ich wusste einfach nicht wohin mit mir und meinen Gefühlen. Einige Zeit weinte ich einfach weiter. Aber ich musste stark sein, zu Hause wartete immerhin mein kleiner Sonnenschein auf mich, der all das natürlich noch gar nicht versteht.

 

Diese beiden Männer in meinem Leben geben mir die Kraft das Ganze jetzt durchzustehen. Für meine kleine Tochter und für unsere Familie.

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